Das Arbeitszeugnis ist eine Besonderheit des Schweizer Rechts, die Menschen aus anderen Ländern oft überrascht. Es ist kein Empfehlungsschreiben, das ein früherer Arbeitgeber nach Belieben verfasst oder verweigert: Es ist ein Dokument, das Arbeitnehmende verlangen können, dessen Inhalt bestimmten Anforderungen genügen muss und das eine ganze Laufbahn begleitet, weil jede Stelle eines hervorbringt.
Zwei Grundsätze bestimmen es, und sie ziehen in entgegengesetzte Richtungen. Es muss wahr sein, was Beschönigungen ausschliesst. Es muss wohlwollend sein, was dazu anhält, nicht unnötig zu schaden. Aus dieser Spannung ist eine Praxis entstanden, die in der Schweizer Arbeitswelt alle kennen und die niemand ins Dokument selbst schreibt: eine Art zu formulieren, bei der das Fehlen einer Aussage ebenso viel sagt wie ihr Vorhandensein.
Worauf Personalverantwortliche achten
- Die Zufriedenheitsformel. «Zu unserer vollen Zufriedenheit» und «zu unserer Zufriedenheit» sind nicht dieselbe Beurteilung, und gar keine Formel ist eine dritte.
- Die beschriebenen Aufgaben. Eine Stelle, die vier Jahre gedauert hat und in einer Zeile zusammengefasst wird, ist für sich schon eine Aussage.
- Der Grund des Austritts oder sein Fehlen, und ob am Ende Dank und gute Wünsche stehen.
- Ob die Daten mit den übrigen Bewerbungsunterlagen übereinstimmen.
| Kriterium | Vollzeugnis | Arbeitsbestätigung |
|---|---|---|
| Was es beschreibt | Art und Dauer des Arbeitsverhältnisses, Leistung und Verhalten | Art und Dauer des Arbeitsverhältnisses, sonst nichts |
| Wer wählt | Arbeitnehmende können es verlangen | Arbeitnehmende können sie anstelle des Vollzeugnisses verlangen |
| Was Personalverantwortliche darin lesen | Die Beurteilungsformeln und das, was fehlt | Schon die Wahl einer Bestätigung statt eines Zeugnisses |
In einem Schweizer Arbeitszeugnis gehört das, was nicht dasteht, zur Botschaft.
Darüber lässt sich reden
Das ist der Punkt, den viele nicht kennen. Ein Zeugnis, das unrichtig oder unvollständig ist oder dessen Formulierungen nicht dem tatsächlichen Arbeitsverhältnis entsprechen, kann Gegenstand eines Berichtigungsbegehrens an den früheren Arbeitgeber sein, und die meisten Fälle werden in diesem Stadium geregelt, durch einen Schriftwechsel und einen Textvorschlag.
Was dieses Vorgehen wirksam macht, ist nicht der Ton, sondern die Genauigkeit. Ein Begehren, das die beanstandeten Passagen auflistet, erklärt, worin sie von den Tatsachen abweichen, und eine Ersatzformulierung vorschlägt, erreicht weit mehr als ein Brief, der allgemeinen Unmut äussert. Es ist auch die Arbeit, die eine Anwältin oder ein Anwalt in diesem Bereich am häufigsten erledigt, und sie ist kurz.

Der Zeitpunkt zählt
Eine Berichtigung, die einige Wochen nach dem Ende des Arbeitsverhältnisses verlangt wird, ist ein Gespräch. Dasselbe Begehren zwei Jahre später, bei einer Personalabteilung, deren Leitung dreimal gewechselt hat, ist eine Rekonstruktion. Fragen zu Fristen und Verjährung hängen vom Einzelfall ab und werden nicht in einem Artikel entschieden, aber die praktische Regel gilt überall: Je früher das Dokument sorgfältig gelesen wird, desto leichter lässt es sich berichtigen.
Wenn Sie nicht sicher sind, was Ihres tatsächlich aussagt, lassen Sie es lesen. Es ist eine der wenigen Rechtsfragen, die sich in einer kurzen Beratung anhand eines einzigen Dokuments beantworten lassen.
Diese Artikel sind allgemeine Informationen und stellen keine Rechtsberatung dar. Beraten kann Sie nur eine Fachperson, die Ihre Situation kennt.



